Definition
Eine Theorie, die vorschlägt, dass der größte Teil der molekularen genetischen Variation (z. B. DNA‑ und Proteinsequenzen) durch zufällige genetische Drift wirkt auf selektiv neutrale Mutationen erzeugt und fixiert wird, statt durch positive Selektion. In diesem Nachschlagewerk bezeichnet sie das Modell, das Substitutionsraten und Polymorphieebenen vornehmlich als Funktionen von Mutation und Drift behandelt.

Prinzip

Prinzip
Haben Mutationen vernachlässigbare Fitness-Effekte, so werden Änderungen ihrer Häufigkeiten von stochastischem Sampling in endlichen Populationen dominiert; folglich spiegeln molekulare Muster eher Mutationsraten und Drift als adaptiven Wandel wider.

Demonstration

Demonstration
Eine typische Demonstration ist die Beobachtung hoher Frequenzen synonymischer Nukleotidvariationen innerhalb von Arten und weitgehend konstanter Raten von Aminosäuresubstitutionen zwischen Arten für viele Gene, was mit einer molekularen Uhr übereinstimmt, die von neutralen Substitutionen dominiert wird. Muster aus mitochondrialer DNA und stillen Positionen in codierenden Sequenzen werden häufig herangezogen, wobei Abweichungen die Grenzen des Modells markieren.

Fehlanwendung

Fehlanwendung
Die Theorie so anzuwenden, dass sie behauptet, Selektion wirke niemals auf molekularer Ebene oder alle Loci seien neutral; dies führt dazu, klare Signale adaptiver Evolution oder purifizierender Selektion auf funktionell wichtigen Stellen zu übersehen.

Konsequenz

Konsequenz
Richtig angewandt liefert die neutrale Theorie ein Nullmodell zur Interpretation molekularer Diversität, zur Kalibrierung molekularer Uhren und zur Unterscheidung zwischen selektierten und neutral evolvierenden Loci; sie leitet Erwartungen für Polymorphie und Divergenz unter Drift und Mutation.

Umkehrung

Umkehrung
Eine Umkehrung durch Selektionsbetonung sieht die meisten molekularen Veränderungen als Ergebnis positiver oder gerichtet wirkender Selektion, was adaptive Erklärungen für weitverbreitete Divergenz nahelegt und Drift als Hauptkraft vernachlässigt.

Abgrenzung

Abgrenzung
Gilt vornehmlich für molekulare Sequenzvariation (synonyme Stellen, nichtkodierende Regionen, viele Aminosäuresubstitutionen) und für Fragestellungen zu Substitutionsraten und neutraler Polymorphie; sie behauptet nicht, dass phänotypische Merkmale oder Loci mit starkem Fitnesseinfluss neutral seien. Die Theorie ist weniger erklärend, wenn gekoppelte Selektion, demographische Geschichte oder starke purifizierende/positive Selektion dominieren.

Semantische Spannung

Semantische Spannung
Es besteht Spannung zur selektionistischen Sichtweise, die adaptive Erklärungen betont; beide Positionen überlappen, weil einige Loci neutral sind und andere selektiert werden, was die Debatte über die Anteile der Prozesse nährt.

Synthese

Synthese
Die neutrale Theorie fasst molekulare Evolution als Ergebnis von Mutation und genetischer Drift zusammen, liefert eine sparsame Null-Erwartung für Sequenzänderungen und lässt empirische Abweichungen als Hinweise auf Selektion, Kopplungseffekte oder demographische Prozesse erscheinen; die Unsicherheit über relative Beiträge von Drift und Selektion an bestimmten Loci muss fallweise geklärt werden.